Gutes Schreiben ist nicht das, was kompliziert klingt. Gutes Schreiben ist das, was der Leser beim ersten Lesen versteht. Dieser Grundsatz klingt selbstverständlich, wird aber in der Praxis erstaunlich oft verletzt – in Behördentexten, Fachpublikationen, Unternehmenskommunikation und selbst in Belletristik.
Die Fähigkeit, verständlich zu schreiben, ist keine angeborene Begabung. Sie ist ein Handwerk, das sich erlernen lässt. Dieser Artikel gibt Ihnen sieben konkrete, sofort umsetzbare Techniken an die Hand, mit denen Sie Ihre Texte klarer, leserfreundlicher und wirkungsvoller machen. Jeder Tipp wird mit einem Vorher-Nachher-Beispiel illustriert, damit Sie den Unterschied direkt sehen.
Tipp 1: Schreiben Sie kurze Sätze
Die mit Abstand wirksamste Methode für verständlichere Texte sind kürzere Sätze. Lesbarkeitsstudien zeigen konsistent: Je länger ein Satz, desto mehr Informationen muss der Leser gleichzeitig im Kopf behalten – und desto wahrscheinlicher verliert er den Faden.
Die Faustregel
- Ideal: 10–15 Wörter pro Satz
- Akzeptabel: 15–20 Wörter
- Problematisch: 20–30 Wörter
- Unlesbar: Über 30 Wörter
Das bedeutet nicht, dass jeder Satz kurz sein muss. Variation ist wichtig für den Lesefluss. Aber der Durchschnitt sollte unter 20 Wörtern liegen. Und Sätze über 25 Wörtern sollten die Ausnahme sein, nicht die Regel.
Vorher und Nachher
Vorher (42 Wörter): „Die im Rahmen der letzten Vorstandssitzung beschlossene Maßnahme zur Optimierung der internen Kommunikationsprozesse, die darauf abzielt, die Effizienz der abteilungsübergreifenden Zusammenarbeit nachhaltig zu verbessern, wird zum nächsten Quartal umgesetzt.”
Nachher (3 Sätze, 12/10/8 Wörter): „Der Vorstand hat eine Maßnahme zur internen Kommunikation beschlossen. Sie soll die Zusammenarbeit zwischen Abteilungen verbessern. Die Umsetzung beginnt im nächsten Quartal.”
Wie Sie lange Sätze kürzen
- Suchen Sie nach Nebensätzen. Können Sie den Nebensatz als eigenen Satz formulieren?
- Suchen Sie nach „und”. Zwei durch und verbundene Hauptsätze ergeben oft zwei bessere Einzelsätze.
- Suchen Sie nach Einschüben. Einschübe in Gedankenstrichen oder Kommas können eigene Sätze werden.
- Prüfen Sie: Stecken zwei Aussagen in einem Satz? Dann machen Sie zwei Sätze daraus.
Tipp 2: Schreiben Sie aktiv statt passiv
Das Passiv ist nicht falsch – aber es macht Texte schwerer verständlich. Das liegt daran, dass im Passiv der Handelnde verschwindet. Der Leser muss selbst erschließen, wer etwas tut. Das kostet kognitive Energie.
Warum Aktiv besser ist
- Aktiv: Der Abteilungsleiter entschied. (Wer? Klar.)
-
Passiv: Es wurde entschieden. (Von wem? Unklar.)
-
Aktiv: Wir liefern die Ware am Montag.
- Passiv: Die Ware wird am Montag geliefert.
Im Aktivsatz erfahren Sie sofort, wer handelt. Im Passivsatz bleibt der Handelnde im Dunkeln. Das macht den Text weniger greifbar und weniger verbindlich.
Vorher und Nachher
Vorher (Passiv): „Es wurde festgestellt, dass die Qualitätsstandards nicht eingehalten wurden. Daher wurde beschlossen, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen. Die Umsetzung der Maßnahmen wird von der zuständigen Abteilung koordiniert.”
Nachher (Aktiv): „Die Qualitätsprüfung hat ergeben, dass drei Produkte die Standards verfehlen. Der Vorstand hat daher Sofortmaßnahmen beschlossen. Die Qualitätsabteilung koordiniert die Umsetzung.”
Wann Passiv angemessen ist
Passiv ist dann sinnvoll, wenn der Handelnde unwichtig, unbekannt oder selbstverständlich ist:
- ✅ „Das Gebäude wurde 1890 errichtet.” (Der Erbauer ist unbekannt oder irrelevant.)
- ✅ „Die Daten werden verschlüsselt übertragen.” (Technischer Vorgang, Akteur ist das System.)
- ✅ „Der Verdächtige wurde verhaftet.” (In Nachrichtentexten üblich.)
Die Faustregel: Wenn Sie den Handelnden kennen und er relevant ist, schreiben Sie aktiv. Wenn nicht, ist Passiv akzeptabel.
Tipp 3: Verwenden Sie konkrete statt abstrakte Wörter
Abstrakte Wörter erzeugen keine Bilder im Kopf des Lesers. Konkrete Wörter tun es. Je konkreter Ihre Sprache, desto lebendiger und verständlicher wird Ihr Text.
Was „konkret” bedeutet
Ein konkretes Wort ist eines, das Sie sich vorstellen können – das Sie sehen, hören, anfassen, riechen oder schmecken können. Ein abstraktes Wort ist eines, das für ein Konzept steht, das keine direkte sinnliche Erfahrung hat.
| Abstrakt | Konkret |
|---|---|
| Transportmittel | Auto, Fahrrad, Bus |
| Kommunikation | Telefonat, E-Mail, Gespräch |
| Maßnahme | Schulung, Preisnachlass, Vertragsänderung |
| Herausforderung | 30 % Umsatzrückgang |
| zeitnah | bis Freitag |
| diverse | drei, fünf, sieben |
| Optimierung | Verkürzung der Wartezeit von 20 auf 5 Minuten |
Vorher und Nachher
Vorher (abstrakt): „Zur Verbesserung der Kundenorientierung werden verschiedene Maßnahmen implementiert, die zu einer nachhaltigen Steigerung der Servicequalität führen sollen.”
Nachher (konkret): „Drei Änderungen verbessern unseren Service: Die Hotline ist ab sofort bis 20 Uhr erreichbar. Rückrufe erfolgen innerhalb von vier Stunden. Und jeder Kunde erhält einen festen Ansprechpartner.”
Der konkrete Text ist nicht nur verständlicher – er ist auch überzeugender. Der Leser weiß genau, was passiert.
Die Konkretisierungsfrage
Fragen Sie sich bei abstrakten Wörtern: Kann ich das fotografieren? Wenn nicht, suchen Sie ein konkreteres Wort. „Maßnahme” können Sie nicht fotografieren. „Schulung für zehn Mitarbeiter” können Sie fotografieren.
Tipp 4: Vermeiden Sie Nominalstil
Der Nominalstil – auch „Substantivitis” genannt – ist die Krankheit der deutschen Amts- und Fachsprache. Er entsteht, wenn Verben in Substantive verwandelt werden: Aus „entscheiden” wird „die Entscheidungsfindung”, aus „umsetzen” wird „die Implementierung der Umsetzungsmaßnahmen”.
Wie Sie Nominalstil erkennen
Achten Sie auf Substantive mit den Endungen: - -ung: Umsetzung, Verbesserung, Optimierung, Berücksichtigung - -heit/-keit: Zuständigkeit, Möglichkeit, Verfügbarkeit - -tion: Implementierung, Kommunikation, Dokumentation - -ismus/-ität: Professionalität, Komplexität
Ein oder zwei solcher Wörter pro Satz sind kein Problem. Wenn sich drei oder mehr häufen, wird der Satz schwer verständlich.
Vorher und Nachher
Vorher (Nominalstil): „Die Durchführung der Evaluierung der Prozessoptimierung ergab, dass eine Anpassung der Zuständigkeiten unter Berücksichtigung der Verfügbarkeiten der Mitarbeiter erforderlich ist.”
Nachher (verbal): „Wir haben die optimierten Prozesse ausgewertet. Das Ergebnis: Die Zuständigkeiten müssen angepasst werden – je nachdem, wann welche Mitarbeiter verfügbar sind.”
Die Auflösungstechnik
Ersetzen Sie Substantive auf -ung, -heit, -keit systematisch durch das zugrundeliegende Verb:
| Nominalstil | Verbaler Stil |
|---|---|
| die Durchführung der Prüfung | wir prüfen |
| unter Berücksichtigung von | wir berücksichtigen |
| die Erstellung des Berichts | wir erstellen den Bericht |
| die Verbesserung der Qualität | wir verbessern die Qualität |
Wenn Sie Ihren Schreibstil insgesamt verbessern möchten, empfehlen wir auch unseren Artikel mit Tipps zum Überarbeiten von Texten.
Tipp 5: Streichen Sie Füllwörter
Füllwörter sind Wörter, die Sie streichen können, ohne dass der Satz an Bedeutung verliert. Sie machen Sätze länger, aber nicht besser. In Maßen geben sie einem Text einen natürlichen, gesprochenen Ton. In Überdosis verwässern sie die Aussage.
Die häufigsten Füllwörter
eigentlich, grundsätzlich, gewissermaßen, sozusagen, irgendwie, natürlich, selbstverständlich, sicherlich, gewiss, ja, eben, halt, nämlich, nun, also, doch, schon, wohl, ziemlich, relativ, durchaus, entsprechend, letztendlich
Vorher und Nachher
Vorher (mit Füllwörtern): „Es ist eigentlich schon relativ offensichtlich, dass man grundsätzlich durchaus sagen kann, dass diese Methode gewissermaßen ziemlich gut funktioniert.”
Nachher (ohne Füllwörter): „Diese Methode funktioniert gut.”
23 Wörter werden zu 4 – und die Aussage ist klarer, nicht ärmer.
Wann Füllwörter bleiben dürfen
Nicht jedes Füllwort muss raus. In bestimmten Kontexten haben sie eine Funktion:
- Abschwächung: „Das ist wohl der schwierigste Teil.” → Die Unsicherheit ist beabsichtigt.
- Emphase: „Das ist ja unglaublich.” → Die Überraschung wird verstärkt.
- Gesprächston: In Dialogen, Interviews oder informellen Texten gehören Füllwörter zum natürlichen Sprachfluss.
Faustregel: Lesen Sie den Satz ohne das Füllwort. Ändert sich die Bedeutung? Wenn nein, streichen Sie es. Wenn ja, behalten Sie es.
Tipp 6: Strukturieren Sie mit Absätzen und Zwischenüberschriften
Verständlichkeit entsteht nicht nur durch gute Sätze, sondern auch durch gute Struktur. Ein Text ohne Absätze und Zwischenüberschriften ist wie eine Wand aus Buchstaben – selbst wenn jeder einzelne Satz klar formuliert ist, verliert der Leser den Überblick.
Die Ein-Gedanke-pro-Absatz-Regel
Jeder Absatz sollte genau einen Gedanken entwickeln. Wechseln Sie den Gedanken, wechseln Sie den Absatz. Das klingt simpel, wird aber erstaunlich oft missachtet.
Zeichen für einen notwendigen Absatzwechsel:
- Sie wechseln das Thema oder den Aspekt
- Sie gehen von einer Behauptung zu einem Beispiel über
- Sie wechseln die Perspektive
- Sie beginnen eine neue Argumentation
Ideale Absatzlänge
- Print: 3–5 Sätze pro Absatz
- Web/Bildschirm: 1–3 Sätze pro Absatz (Bildschirme sind anstrengender als Papier)
- Nie: Absätze mit mehr als 8–10 Sätzen
Zwischenüberschriften als Orientierungshilfe
Zwischenüberschriften sind die Wegweiser Ihres Textes. Der Leser kann den Text überfliegen und sofort erkennen, wo er die gesuchte Information findet. Setzen Sie mindestens alle 200–300 Wörter eine Zwischenüberschrift.
Gute Zwischenüberschriften sind:
- Informativ (nicht: „Ein wichtiger Aspekt”, sondern: „Kurze Sätze verbessern die Lesbarkeit”)
- Konsistent (alle in der gleichen Form: Fragen, Aussagen oder Anleitungen)
- Scanbar (der Leser versteht den Textinhalt nur durch die Überschriften)
Mehr Techniken zur Textüberarbeitung finden Sie in unserem Artikel Korrekturlesen lernen.
Tipp 7: Testen Sie die Lesbarkeit Ihres Textes
Die Verständlichkeit eines Textes lässt sich messen. Es gibt etablierte Formeln und Tools, die Ihnen objektives Feedback geben – unabhängig von Ihrem subjektiven Gefühl.
Der Flesch-Index für Deutsch
Der Flesch-Reading-Ease-Index bewertet die Lesbarkeit auf einer Skala von 0 (sehr schwer) bis 100 (sehr leicht). Er basiert auf der durchschnittlichen Satzlänge und der durchschnittlichen Silbenzahl pro Wort.
| Wert | Lesbarkeit | Vergleichbar mit |
|---|---|---|
| 80–100 | Sehr leicht | Kinderbuch, einfache Anleitung |
| 60–80 | Leicht | Zeitungsartikel, Blogbeitrag |
| 40–60 | Mittelschwer | Fachzeitschrift, Sachbuch |
| 20–40 | Schwer | Wissenschaftlicher Aufsatz |
| 0–20 | Sehr schwer | Juristische Texte, Versicherungsverträge |
Zielwerte je nach Textart:
- Blogbeiträge, Newsletter: 60–70
- Sachbücher, Ratgeber: 50–60
- Fachtexte für Experten: 40–50
- Wissenschaftliche Publikationen: 30–40
Der Selbst-Test: Laut lesen
Der einfachste Verständlichkeitstest: Lesen Sie Ihren Text laut vor. Wenn Sie ins Stocken geraten, einen Satz wiederholen müssen oder außer Atem kommen – dann ist der Text zu kompliziert. Was Sie nicht flüssig vorlesen können, wird auch Ihr Leser nicht flüssig lesen können.
Der Oma-Test
Würde Ihre Großmutter (die keine Expertin im Thema ist) den Text verstehen? Wenn ja, ist er verständlich genug. Dieser Test ist natürlich vereinfacht, aber er zwingt Sie dazu, aus der Expertenperspektive herauszutreten und den Text mit den Augen eines Nicht-Experten zu lesen.
Online-Tools für den Lesbarkeitscheck
Mehrere Online-Tools berechnen den Flesch-Index und andere Lesbarkeitskennzahlen für deutsche Texte. Nutzen Sie sie als Orientierung, nicht als Gesetz. Ein Text mit perfektem Flesch-Wert kann trotzdem langweilig oder unverständlich sein, wenn der Inhalt nicht stimmt.
Wenn Sie Ihre Texte nicht nur auf Verständlichkeit, sondern auch auf Grammatik und Stil prüfen möchten, finden Sie passende Werkzeuge in unserem Artikel über Korrekturlesen lernen. Und für umfassende Überarbeitungstechniken empfehlen wir unseren Guide zum Selbstlektorat.
Zusammenfassung: Die 7 Tipps auf einen Blick
| Nr. | Tipp | Kernregel |
|---|---|---|
| 1 | Kurze Sätze | Maximal 15–20 Wörter pro Satz |
| 2 | Aktiv statt Passiv | Benennen Sie den Handelnden |
| 3 | Konkret statt abstrakt | Wörter verwenden, die man sich vorstellen kann |
| 4 | Nominalstil vermeiden | Verben statt Substantive auf -ung, -heit, -keit |
| 5 | Füllwörter streichen | Wenn streichbar ohne Bedeutungsverlust → streichen |
| 6 | Absätze und Überschriften | Ein Gedanke pro Absatz, Überschrift alle 200–300 Wörter |
| 7 | Lesbarkeit testen | Flesch-Index, Laut-Lese-Test, Oma-Test |
Fazit: Verständlich schreiben ist Respekt vor dem Leser
Verständlich zu schreiben ist keine Vereinfachung. Es ist Präzision. Es bedeutet, genau zu wissen, was Sie sagen wollen – und es so klar wie möglich zu sagen. Jeder unnötig lange Satz, jedes abstrakte Wort, jedes Füllwort ist eine kleine Hürde, die Sie Ihrem Leser in den Weg legen. Wer verständlich schreibt, zeigt Respekt vor der Zeit und der Aufmerksamkeit des Lesers.
Die sieben Tipps in diesem Artikel sind kein starres Regelwerk. Sie sind Werkzeuge, die Sie je nach Textart und Zielgruppe dosieren können. Ein wissenschaftlicher Aufsatz darf komplexer sein als ein Blogbeitrag. Ein Roman darf längere Sätze haben als ein Sachbuch. Aber das Grundprinzip gilt überall: Machen Sie es Ihrem Leser so leicht wie möglich, Ihren Text zu verstehen. Denn am Ende ist der beste Text nicht der, den Sie am meisten poliert haben – sondern der, den Ihr Leser am leichtesten versteht.
Für Autoren, die an einem Sachbuch arbeiten, gelten diese Prinzipien in besonderem Maße: Sachbücher leben davon, komplexe Themen zugänglich zu machen. Verständliches Schreiben ist hier nicht nur eine stilistische Entscheidung, sondern eine inhaltliche Notwendigkeit.