Die Groß- und Kleinschreibung ist eine Besonderheit der deutschen Sprache. In kaum einer anderen Sprache der Welt werden Substantive konsequent mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben. Was für Muttersprachler selbstverständlich klingt, ist in der Praxis eine der größten Fehlerquellen – besonders dann, wenn Wörter ihre Wortart wechseln.
Dieser Artikel führt dich durch alle Regeln der deutschen Groß- und Kleinschreibung, von den Grundlagen bis zu den schwierigsten Sonderfällen. Jede Regel wird mit konkreten Beispielen und – wo möglich – mit einfachen Tests illustriert, damit du im Alltag sicher entscheiden kannst.
Die Grundregel: Was wird großgeschrieben?
Die Grundregel ist einfach: Substantive (Nomen) werden großgeschrieben. Alles andere – Verben, Adjektive, Adverbien, Pronomen, Konjunktionen, Präpositionen – wird kleingeschrieben.
Großgeschrieben werden:
- Substantive: der Tisch, die Freiheit, das Glück
- Eigennamen: Angela Merkel, Deutschland, der Rhein
- Satzanfänge: „Er kam zu spät.” – das E ist groß, weil der Satz beginnt
- Substantivierungen: Wörter anderer Wortarten, die als Substantiv verwendet werden
Die Schwierigkeit liegt im vierten Punkt: der Substantivierung. Denn hier wechseln Wörter ihre Wortart, und genau das macht die Entscheidung zwischen groß und klein so anspruchsvoll.
Wie erkennst du Substantive?
Substantive haben drei Merkmale:
- Sie haben einen Artikel: der Hund, eine Frage, das Ergebnis
- Sie können im Plural stehen: Hunde, Fragen, Ergebnisse
- Sie können mit einem Adjektiv näher bestimmt werden: großer Hund, wichtige Frage
Wenn du unsicher bist, ob ein Wort ein Substantiv ist, prüfst du, ob du einen Artikel davor setzen kannst. Wenn ja, schreibst du groß.
Nominalisierte Verben: Wann wird ein Verb großgeschrieben?
Ein Verb wird großgeschrieben, wenn es als Substantiv verwendet wird – also substantiviert (nominalisiert) ist. Das erkennst du an bestimmten Signalwörtern, die vor dem Verb stehen.
Signalwörter für Nominalisierung
- Artikel: das Lesen, ein Warten, beim (= bei dem) Spielen
- Pronomen: sein Kommen, unser Treffen, dieses Schweigen
- Adjektive: langes Warten, lautes Lachen, schnelles Laufen
- Präposition + Artikel: zum (= zu dem) Lesen, vom (= von dem) Schwimmen, beim Essen
Beispiele:
- ❌ Das lesen macht mir Spaß.
- ✅ Das Lesen macht mir Spaß.
- ❌ Beim wandern hat es geregnet.
- ✅ Beim Wandern hat es geregnet.
- ❌ Sie liebt das kochen.
- ✅ Sie liebt das Kochen.
Verb bleibt Verb: Wann wird kleingeschrieben?
Wenn das Wort als Verb im Satz fungiert (also eine Tätigkeit beschreibt und konjugiert wird oder mit zu im Infinitiv steht), bleibt es klein:
- ✅ Ich liebe es, zu lesen. (Infinitiv mit zu – Verb, nicht Substantiv)
- ✅ Er hat angefangen zu schreiben.
Achtung: Verwechsle nicht den substantivierten Infinitiv mit dem Infinitiv als Verb:
- ✅ Das Schreiben fällt mir schwer. (Was fällt schwer? → Das Schreiben → Substantiv)
- ✅ Es fällt mir schwer zu schreiben. (Infinitiv mit zu → Verb)
Nominalisierte Adjektive: Alle Regeln im Überblick
Adjektive werden großgeschrieben, wenn sie als Substantiv verwendet werden. Die Regeln sind ähnlich wie bei Verben, aber es gibt mehr Sonderfälle.
Grundregel: Adjektiv nach unbestimmtem Pronomen
Nach etwas, nichts, viel, wenig, alles, manches, einiges wird das folgende Adjektiv großgeschrieben, weil es als Substantiv steht:
- ✅ etwas Neues, nichts Besonderes, viel Gutes
- ✅ alles Wichtige, manches Interessante, wenig Erfreuliches
Häufige Fehler:
- ❌ Hast du etwas neues gehört?
- ✅ Hast du etwas Neues gehört?
- ❌ Es gibt nichts besonderes zu berichten.
- ✅ Es gibt nichts Besonderes zu berichten.
Adjektiv nach Artikel
Steht ein Adjektiv nach einem Artikel und es folgt kein Substantiv, ist das Adjektiv nominalisiert:
- ✅ Der Neue ist angekommen. (= der neue Mitarbeiter)
- ✅ Das Beste kommt zum Schluss.
- ✅ Sie wählte das Kleinere.
Superlativ mit am
Hier gibt es eine Falle: Ist die Kombination am + Superlativ eine Steigerungsform oder eine Nominalisierung?
- ✅ Er läuft am schnellsten. (Steigerungsform → klein, denn: schnell, schneller, am schnellsten)
- ✅ Sie hat am meisten gelernt. (Steigerungsform → klein)
Test: Kannst du nach am die Frage „woran?” stellen? Wenn ja, ist es eine Nominalisierung und wird großgeschrieben. Wenn du „wie?” fragen kannst, ist es eine Steigerungsform und bleibt klein.
- Am Besten wäre es, morgen zu kommen. → Falsch oder richtig? Prüfe: „Wie wäre es?” → am besten → Steigerung → am besten (klein).
Achtung: Diese Regel wird sehr häufig verletzt. „Am besten” (Steigerungsform) wird fast immer kleingeschrieben.
Feste Wendungen und Redewendungen
In festen Wendungen gelten besondere Regeln, die sich nicht immer aus der Grundregel ableiten lassen. Hier musst du die korrekte Schreibweise schlicht lernen.
Adjektive in festen Wendungen – großgeschrieben
Wenn das Adjektiv in einer festen Wendung substantivischen Charakter hat:
- ✅ im Allgemeinen, im Besonderen, im Wesentlichen
- ✅ im Folgenden, im Voraus, im Nachhinein
- ✅ im Großen und Ganzen
- ✅ des Öfteren, des Weiteren (= des Weiteren)
- ✅ zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten
Adjektive in festen Wendungen – kleingeschrieben
Wenn das Adjektiv in der Wendung seine adjektivische Funktion behält:
- ✅ von klein auf
- ✅ durch dick und dünn
- ✅ über kurz oder lang
- ✅ von nah und fern
Häufig verwechselt
| Richtig | Falsch | Erklärung |
|---|---|---|
| Recht haben | recht haben | Beides korrekt seit Rechtschreibreform |
| Bescheid wissen | bescheid wissen | Bescheid ist ein Substantiv → groß |
| Schuld sein | schuld sein | Beides korrekt |
| Leid tun | leidtun | Beides korrekt |
| infrage stellen | in Frage stellen | Beides korrekt |
| zulasten | zu Lasten | Beides korrekt |
Viele dieser Zweifelsfälle findest du auch in unserem Artikel über die häufigsten Rechtschreibfehler im Deutschen.
Tageszeiten, Wochentage und Datumsangaben
Die Groß- und Kleinschreibung bei Tageszeiten gehört zu den häufigsten Fehlerquellen.
Tageszeiten nach heute, morgen, gestern
Tageszeiten, die auf heute, morgen, gestern, vorgestern oder übermorgen folgen, werden großgeschrieben – sie sind Substantive:
- ✅ heute Morgen, gestern Abend, morgen Nachmittag
- ✅ vorgestern Nacht, übermorgen Früh
Tageszeiten als Adverb
Werden Tageszeiten als Adverb verwendet (erkennbar am Suffix -s), sind sie klein:
- ✅ morgens, abends, nachmittags, nachts
- ✅ montags, dienstags, samstags
Die Falle: morgen vs. Morgen
- ✅ morgen (= am nächsten Tag) → Adverb → klein
- ✅ der Morgen (= Tageszeit) → Substantiv → groß
- ✅ morgen Morgen (= am nächsten Tag am Morgen) → Adverb + Substantiv
Wochentage
Wochentage sind Substantive und werden immer großgeschrieben:
- ✅ am Montag, jeden Dienstag, letzten Freitag
In Kombination mit Tageszeiten: Donnerstagabend, Sonntagmorgen (zusammengeschrieben als Substantiv) oder: am Donnerstag Abend (getrennt, beides groß).
Großschreibung nach Doppelpunkt, in Titeln und bei Abkürzungen
Nach dem Doppelpunkt
Die Regel ist klar: Nach einem Doppelpunkt wird großgeschrieben, wenn ein vollständiger Satz folgt. Folgt kein vollständiger Satz, wird kleingeschrieben:
- ✅ Er sagte nur eines: Das war falsch. (vollständiger Satz → groß)
- ✅ Wir brauchen: sechs Eier, Mehl und Zucker. (kein vollständiger Satz → klein)
- ✅ Achtung: Die Tür schließt automatisch. (vollständiger Satz → groß)
In Titeln und Überschriften
Im Deutschen gilt – anders als im Englischen – keine generelle Großschreibung in Überschriften. Es gelten die normalen Regeln:
- ✅ Die häufigsten Fehler bei der Kommasetzung
- ❌ Die Häufigsten Fehler Bei Der Kommasetzung (englischer Stil)
Bei Abkürzungen
Abkürzungen behalten die Groß- oder Kleinschreibung des ausgeschriebenen Wortes:
- ✅ z. B. (zum Beispiel), d. h. (das heißt), u. a. (unter anderem)
- ✅ GmbH, AG, e. V.
Schwierige Sonderfälle und Zweifelsfälle
recht und unrecht
- ✅ Sie hat recht / Recht. (beides korrekt)
- ✅ Du tust ihm unrecht / Unrecht. (beides korrekt)
schuld und leid
- ✅ Du bist schuld / Schuld. (beides korrekt)
- ✅ Es tut mir leid / Leid. (beides korrekt, aber leid → zusammen: leidtun)
Angst, Bange, Leid in Verbindung mit Verben
- ✅ Mir ist angst und bange. (Adjektiv → klein)
- Aber: ✅ Ich habe Angst. (Substantiv → groß)
Test: Steht ein Artikel oder haben davor? → Substantiv → groß. Steht sein oder werden davor? → Adjektiv → klein.
Farben und Sprachen
- ✅ Das Auto ist rot. (Adjektiv → klein)
- ✅ Die Ampel steht auf Rot. (Substantiv → groß)
- ✅ Er spricht Deutsch. (Substantiv → groß: Er spricht die deutsche Sprache)
- ✅ Der deutsche Text ist korrekt. (Adjektiv → klein)
- ✅ auf Deutsch, auf Englisch (Substantiv → groß)
Paarformeln mit Adjektiven
In Paarformeln mit und oder oder werden Adjektive kleingeschrieben, wenn sie adjektivisch verwendet werden:
- ✅ Groß und Klein kamen zusammen. (= große und kleine Menschen → Substantive → groß)
- ✅ durch dick und dünn (adverbiale Wendung → klein)
- ✅ Arm und Reich (= arme und reiche Menschen → groß)
- ✅ von nah und fern (adverbial → klein)
Wenn du dich für klares, verständliches Schreiben interessierst, empfehlen wir dir unseren Artikel mit Tipps zum verständlichen Schreiben. Und für einen vollständigen Guide zur Kommasetzung besuche unseren separaten Artikel.
Häufig gestellte Fragen
Wird „email” oder „E-Mail” geschrieben?
Die korrekte Schreibweise ist E-Mail – mit großem E und Bindestrich. Das gilt seit der Rechtschreibreform als eindeutig festgelegt. Schreibweisen wie „Email”, „e-mail” oder „eMail” sind im Deutschen falsch. Der Grund: Das Wort ist ein Substantiv (die E-Mail, Plural: die E-Mails) und wird als Zusammensetzung mit Bindestrich geschrieben, ähnlich wie „U-Bahn” oder „T-Shirt”.
Schreibt man „deutsch” oder „Deutsch”?
Das hängt vom Kontext ab. Als Substantiv (also wenn du die Sprache meinst) wird großgeschrieben: „Er spricht Deutsch”, „auf Deutsch”, „das Deutsche”. Als Adjektiv dagegen klein: „der deutsche Text”, „die deutsche Grammatik”, „ein deutsches Wort”. Der Artikel-Test hilft: Kannst du „das” davor setzen? Dann groß.
Wird nach einem Doppelpunkt groß- oder kleingeschrieben?
Die Regel ist klar: Folgt nach dem Doppelpunkt ein vollständiger Satz, schreibst du groß. Folgt nur ein Satzfragment, ein einzelnes Wort oder eine Aufzählung, schreibst du klein. Beispiel: „Er wusste eines: Diese Chance kommt nicht wieder.” (ganzer Satz → groß). Aber: „Wir brauchen: frische Milch, Eier und Butter.” (Aufzählung → klein).
Wie prüfe ich die Groß-/Kleinschreibung in meinen Texten?
Am einfachsten nutzt du den Artikel-Test: Kannst du „der”, „die” oder „das” vor ein fragliches Wort setzen? Wenn ja, ist es ein Substantiv und wird großgeschrieben. Darüber hinaus helfen dir digitale Tools, die deine Texte automatisch auf Groß- und Kleinschreibung prüfen. In unserem Vergleich der besten Grammatik-Tools findest du passende Optionen.
Wo finde ich weitere Rechtschreibregeln?
Wenn du dein Wissen vertiefen möchtest, empfehlen wir dir unsere weiteren Artikel: Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist ein ebenso häufiges Problemfeld. Unser Komma-Guide hilft dir bei der Zeichensetzung. Und im Überblick über die häufigsten Rechtschreibfehler findest du die typischen Stolperfallen auf einen Blick.
Fazit: Systematisch zur sicheren Groß- und Kleinschreibung
Die Groß- und Kleinschreibung im Deutschen folgt klaren Regeln, hat aber zahlreiche Sonderfälle, die Übung erfordern. Die wichtigsten Prinzipien sind:
- Substantive werden immer großgeschrieben – auch wenn sie aus anderen Wortarten entstanden sind (Nominalisierung).
- Signalwörter wie Artikel, Pronomen und Adjektive vor einem Wort deuten auf Nominalisierung hin.
- Feste Wendungen muss man oft einfach lernen – sie lassen sich nicht immer ableiten.
- Im Zweifelsfall prüfst du: Kannst du einen Artikel vor das fragliche Wort setzen? Kannst du es durch ein eindeutiges Substantiv ersetzen? Wenn ja, schreibst du groß.
Nutze die Tests und Eselsbrücken aus diesem Artikel als tägliche Hilfe. Und wenn du deine Texte automatisch prüfen lassen möchtest, findest du in unserem Grammatik-Tool-Vergleich die besten Optionen.